Nirgendwo lernt der Mensch besser die Bedeutung des Wortes Einsamkeit kennen, als in französischen Hörsälen. Mitten unter Menschen. Man fühlt sich hier ungefähr so, wie der Protagonist aus Roman Polanskis „Tanz der Vampire“. Zwar ist während dessen Reisen durch Nacht und Dunkelheit Transylvaniens ein Kutscher bei ihm, aber dieser friert für gewöhnlich ein und ist nicht mehr ansprechbar.
Ebenso verhält es sich mit den französischen Studenten. Kaum hat die Lehrkraft die Vorlesung (siehe: „Uni: Vorlesung“) begonnen, scheint auf einen Schlag jede Menschlichkeit aus ihnen entwichen zu sein. Wie von Geisterhand werden alle Köpfe gesenkt und hunderte von Händen bemüht, möglichst schnell möglichst viele Schriftzeichen auf möglichst zahlreichen Zetteln zu verewigen. Ganz so als würde aus den Schreibgeräten keine Tinte sondern ein Wundermittel fließen, und im Kontakt mit dem Papier ohne Umwege zu Weisheit gerinnen.
Es ist ein perfekter Automatismus, der es, unter Ausschaltung aller anwesenden Gehirne ermöglicht, die großen Worte des Professors in perfekter Manier hundertfach zu vervielfältigen. Die perfekte Mensch Maschine. Universität und Studenten nicht mehr, als ein überdimensionales Kopiergerät.
Doch ist die Verdinglichung des französischen Studenten keine Volkommene. Es ist am Ende doch nicht alles nur Maschine, sondern trotzdem auch noch etwas Mensch. Zwar sind zu kopierender Text und dessen Ausgestaltung exakt vorgegeben („…und diesen Satz sollten Sie jetzt alle unterstreichen“) – aber die Farbwahl, ja die Farbwahl lieber Leser, die ist jedem freigestellt. Und plötzlich sieht man, wie sich im Verborgenen still und heimlich die unterdrückte Kreativität ihren Ausweg sucht: Da wird für einen Moment der blaue oder schwarze Stift zur Seite gelegt und in wohlüberlegtem Eifer mit dem Lächeln des verkannten Überlegenen („jetzt werde ich es endlich einmal allen zeigen…“) eine ganz persönliche Farbe gewählt.
Da sieht man in seiner Tristesse zur Linken plötzlich ein kräftiges Gelb leuchten, zur rechten ein verspieltes Rot, von Vorne ein mutiges Lila seinen Mann stehen und von hinten vernimmt man, kaum wahrnehmbar, den Duft eines zarten Grüns. Und von allen Seiten das strahlende Lächeln der ausgeblühten Kreativität.
Und auch ich grinse, weil ich weiß, dass schlechte Lehrmethoden nicht antsteckend sind und ich all diese Absurditäten ganz gefahrlos beobachten kann. Meine Geschichte wird also nicht wie bei Roman Polanski mit dem Satz „und so verbreitete sich das Übel über die gesamte Welt“ enden müssen.
In dem Moment kommt mir der Bologna Prozess in den Sinn.
27. Februar 2007 um 18:59 |
aufrührerisch, diese franzosen. die revolution liegt ihnen im blut. und schlägt sich beizeiten in der wahl eines buntstiftes nieder. großartige nation, die akademische elite (?!) scheinbar geprägt von einem ganz eigenen, ungebrochenen, hinterfragenden geist…
15. Juni 2007 um 2:12 |
Toll, sollte in allen Hörsäalen in Frankreich verbreitet werden !!!