Mittendrin – Bericht aus einer Randgruppe.

Auch in Frankreich gibt es Randgruppen. Es ist klar, dass mit diesem Begriff ein schwieriges Feld betreten wird, dass von einer Unzahl gefährlicher Fallen aus politischen Unkorrektheiten gezeichnet ist.

Manchmal kann man aber um schwierige Felder nicht herum. Ganz konkret wurde ich letztens von einem Metallzaun davon abgehalten. Abgehalten davon, den Block acht der Südkurve des Toulouser Fussballstadions zu verlassen, für den ich unwissend Karten erworben hatte. Als Fussballunkundiger hatte ich die Abwesenheit von Sitzschalen in diesem Teil der Arena nicht richtig deuten können und zu spät gemerkt, dass ich mich in der Fankurve befand, die ich nun nicht mehr verlassen konnte.

 

 

Mitten in dieser distinkten Gruppe am Rande des Spielfeldes (ich kann also vollkommen berechtigt von einer Randgruppe sprechen) kam mir die Idee, diese einmalige Gelegenheit für eine kulturvergleichende Studie zu verwenden. Dank ausgiebiger Berichte der deutschen Medien in den letzten Wochen war ich ja über die Zustände an deutschen Spielfeldrändern bestens aufgeklärt – würden hier ähnliche Verhältnisse herrschen?

Auf den ersten Blick scheint es in Frankreich nicht anders zu sein. Auch hier werden Rauchfackeln gezündet, wird getrommelt, werden Fahnen geschwenkt und Geräusche von sich gegeben. Geräusche in denen – mit etwas gutem Willen – melodieähnliche Variationen zu erkennen sind. Unter dem Eindruck dieser kreischenden, einheitlich hüpfenden, rückenmarksgesteuerten Masse mag es auf den ersten Blick schwer fallen, Besonderheiten zu entdecken.

Doch es gibt Unterschiede. Was es hier nämlich nicht gibt ist Bier. Ja wirklich! Wein wird getrunken. Joints werden geraucht. Aber weit und Breit kein Bier. Es kann sich hier also gar nicht um ein wirkliches Fussballspiel handeln. Und die Menschen um mich herum können damit auch keine wirklichen Fussballfans sein.

Plötzlich wird mir alles klar. Die Rotweinbecher! Hier geht es um Kultur. Ein Verein für avantgardistische Kunst, der mit neuen Präsentationsformen für 12 Ton Kompositionen experimentiert. Sicherlich ist Beuys irgendwo in der Nähe und betrachtet zufrieden sein inszeniertes Happening – und ich bin mittendrin.

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